ADHS – Mythen und Fakten


ADHS – Mythen und Fakten


Rund um ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) halten sich viele Vorstellungen, die veraltet oder unvollständig sind. Manche wirken harmlos, können jedoch dazu führen, dass Symptome lange missverstanden oder nicht ernst genommen werden. Gleichzeitig sorgt die wachsende Aufmerksamkeit für ADHS dafür, dass viele Menschen erstmals eine Erklärung für eigene Erfahrungen finden.

Dieser Beitrag greift häufige Mythen auf und ordnet sie anhand aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse ein.

Mythos 1: ADHS ist nur eine Kinderdiagnose

Fakt: ADHS beginnt zwar in der Kindheit, kann aber bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Internationale Leitlinien und Klassifikationssysteme beschreiben ADHS ausdrücklich als neuroentwicklungsbedingte Besonderheit über die gesamte Lebensspanne hinweg.

Mit zunehmendem Alter verändern sich die Symptome häufig. Äußere Hyperaktivität nimmt oft ab, während innere Unruhe, Schwierigkeiten mit Organisation oder emotionale Impulsivität stärker im Vordergrund stehen können.

Mythos 2: ADHS bedeutet einfach „nicht stillsitzen können“

Fakt: ADHS ist deutlich vielfältiger. Kernbereiche betreffen Aufmerksamkeit, Impulssteuerung und Selbstregulation. Die Ausprägung kann sehr unterschiedlich sein und reicht von ausgeprägter motorischer Unruhe bis hin zu eher stillen, nach innen gerichteten Formen.

Leitlinien betonen, dass die Symptome in mehreren Lebensbereichen auftreten und zu spürbaren Beeinträchtigungen führen müssen, damit eine Diagnose gestellt werden kann.

Mythos 3: Wer gute Leistungen bringt, kann keine ADHS haben

Fakt: Viele Menschen mit ADHS entwickeln im Laufe ihres Lebens wirksame Kompensationsstrategien. Struktur, Interesse oder hoher Leistungsdruck können Symptome zeitweise ausgleichen. Dennoch kann der dafür nötige Aufwand sehr hoch sein und langfristig zu Erschöpfung oder Selbstzweifeln führen.

ADHS bedeutet daher nicht zwangsläufig Leistungsprobleme, sondern häufig einen erhöhten Energieaufwand, um Alltagsanforderungen zu bewältigen.

Mythos 4: ADHS wird heute „zu schnell“ diagnostiziert

Fakt: Unterschiede in Prävalenzzahlen entstehen vor allem durch unterschiedliche Diagnosemethoden und Kriterien, nicht durch eine neue oder plötzlich häufigere Erkrankung. Fragebögen erfassen eher auch mildere Ausprägungen, während strukturierte diagnostische Gespräche strengere Kriterien anwenden.

Zudem wurde ADHS im Erwachsenenalter lange wenig erkannt, sodass von einer relevanten Unterdiagnostik ausgegangen wird.

Mythos 5: Eine Checkliste reicht für die Diagnose

Fakt: Fragebögen können Hinweise liefern, ersetzen jedoch keine umfassende diagnostische Einschätzung. Eine fundierte Diagnostik berücksichtigt unter anderem die Entwicklungsgeschichte, aktuelle Funktionsbeeinträchtigungen, mögliche Begleiterkrankungen sowie individuelle Ressourcen.

Dieser mehrdimensionale Blick hilft, ADHS von anderen Ursachen ähnlicher Symptome abzugrenzen und ein stimmiges Gesamtbild zu entwickeln.

Mythos 6: ADHS wirkt heute plötzlich überall präsent – ist das nur ein Trend?

Fakt: ADHS ist keine neue Erscheinung. Allerdings leben wir in einer Zeit, in der psychische Gesundheit und neurodiverse Erfahrungen deutlich sichtbarer und offener besprochen werden als früher. Dadurch suchen mehr Menschen Informationen, teilen persönliche Erfahrungen und reflektieren eigene Erlebnisse.

Die stärkere mediale Präsenz kann hilfreich sein, da sie Aufklärung fördert und das Gefühl vermittelt, mit bestimmten Erfahrungen nicht allein zu sein. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen, dass Inhalte in sozialen Medien nicht immer wissenschaftlich korrekt sind und Symptome teilweise vereinfacht dargestellt werden.

Persönliche Erfahrungsberichte können entlastend wirken, ersetzen jedoch keine professionelle Diagnostik.

Mythos 7: ADHS bedeutet nur Probleme

Fakt: Viele Menschen mit ADHS berichten neben Herausforderungen auch über Stärken wie Kreativität, schnelle Ideenfindung, hohe Begeisterungsfähigkeit oder ausgeprägtes Interesse an bestimmten Themen. Entscheidend ist häufig, wie gut Umfeld, Anforderungen und individuelle Strategien zusammenpassen.

Ein ressourcenorientierter Blick hilft dabei, ADHS nicht ausschließlich als Defizit, sondern als individuelles Profil zu verstehen.

Was bedeutet das für Betroffene?

Mythen können dazu führen, dass Menschen sich selbst lange nicht wiedererkennen oder ihre Schwierigkeiten falsch einordnen. Gute Aufklärung schafft deshalb Orientierung und reduziert Unsicherheiten.

Eine fundierte Diagnostik kann helfen, eigene Erfahrungen besser zu verstehen, Belastungen einzuordnen und passende Wege im Umgang mit ADHS zu finden.