Woran erkennt man Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) bei Kindern?

Woran erkennt man Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) bei Kindern?

Was sind die Symptome

Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) gehören zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Sie zeigen sich meist schon im frühen Kindesalter, oft im zweiten Lebensjahr – manchmal sogar früher. Doch gerade weil sich ASS bei jedem Kind anders äußert, ist die frühzeitige Erkennung eine Herausforderung. Nicht selten werden erste Auffälligkeiten lange als Eigenheiten oder „Phase“ abgetan. Dabei ist es für eine positive Entwicklung besonders wichtig, die Zeichen früh zu erkennen und gezielt Unterstützung zu bieten.

Typisch für eine ASS sind vor allem anhaltende Auffälligkeiten in zwei großen Bereichen: der sozialen Kommunikation und Interaktion sowie im Verhalten, das oft durch Wiederholungen, Rituale und sehr spezielle Interessen geprägt ist. Diese Merkmale zeigen sich in verschiedenen Lebenssituationen und über einen längeren Zeitraum hinweg. Es handelt sich also nicht um vorübergehende Phasen oder „Launen“, sondern um grundlegende Besonderheiten in der Art, wie ein Kind die Welt wahrnimmt und mit ihr umgeht.

Eltern berichten oft schon im Alter von zwölf bis achtzehn Monaten über erste Sorgen. Manche Kinder reagieren kaum auf Zurufe, vermeiden Blickkontakt oder zeigen keine typischen Gesten wie Winken oder Zeigen. Auch ein fehlendes „soziales Lächeln“ – also das freudige Lächeln als Reaktion auf andere Menschen – wird häufig genannt. Besonders auffällig ist, wenn Kinder keine geteilte Aufmerksamkeit zeigen, also zum Beispiel nicht gemeinsam mit einer Bezugsperson auf ein interessantes Objekt blicken oder versuchen, deren Aufmerksamkeit gezielt auf etwas zu lenken. Dies gilt als eines der frühesten und verlässlichsten Anzeichen für ASS.

Auch in der Sprachentwicklung zeigen sich oft Auffälligkeiten. Manche Kinder beginnen später zu sprechen oder verlieren bereits erworbene sprachliche Fähigkeiten wieder. Andere sprechen zwar früh, aber auf eine ungewöhnliche Weise. Häufig wiederholen sie Gesagtes wörtlich (Echolalie), verwenden auswendig gelernte Sätze oder vertauschen die Pronomen – sagen zum Beispiel „du“ statt „ich“. Gespräche wirken häufig einseitig oder wenig angepasst an das Gegenüber. Auch Tonfall und Sprachrhythmus können auffällig sein – etwa monoton oder singend, ohne Rücksicht auf die jeweilige Gesprächssituation.

Die soziale Interaktion ist bei autistischen Kindern oft eingeschränkt. Viele bevorzugen das Spiel für sich allein, zeigen wenig Interesse an anderen Kindern und tun sich schwer, Freundschaften zu schließen. Auch das Einfühlungsvermögen ist häufig eingeschränkt: Sie erkennen Emotionen anderer nur schwer und reagieren entsprechend ungewöhnlich. So kann es sein, dass ein Kind auf das Weinen eines anderen nicht eingeht oder nicht versteht, warum ein Verhalten verletzend war. Trost zu suchen, wenn es sich selbst verletzt hat, ist ebenfalls nicht selbstverständlich. In sozialen Situationen wirken diese Kinder manchmal „distanziert“ oder umgekehrt auch sehr distanzlos – etwa wenn sie sich fremden Menschen ohne Hemmung auf den Schoß setzen, aber keinen wechselseitigen Kontakt aufbauen.

Ein weiteres zentrales Merkmal von ASS ist das Bedürfnis nach Gleichförmigkeit. Veränderungen – sei es in der täglichen Routine, in der Umgebung oder bei Abläufen – können zu großer Verunsicherung oder gar zu massiver Überforderung mit panischen oder wutähnlichen Reaktionen führen. Manche Kinder reagieren heftig, wenn zum Beispiel das Lieblingsspielzeug nicht an seinem gewohnten Platz liegt oder eine Mahlzeit anders zubereitet

ist als sonst. Rituale geben ihnen Sicherheit und Orientierung – Abweichungen davon können schwer auszuhalten sein.

Das Verhalten ist häufig durch stereotype Bewegungen geprägt, wie etwa Händeflattern, Wippen oder das wiederholte Drehen von Gegenständen. Auch besondere Interessen, die sehr intensiv verfolgt werden, sind typisch – etwa eine monatelange Beschäftigung mit Waschmaschinen, Busfahrplänen, bestimmten Büchern/Spielen oder Zahlenreihen. Dabei ist nicht nur das Thema ungewöhnlich, sondern auch die Intensität, mit der sich das Kind damit auseinandersetzt. In manchen Fällen geht das mit besonderen Begabungen in Teilbereichen wie Mathematik, Musik oder Zeichnen einher.

Viele autistische Kinder reagieren besonders empfindlich auf Sinneseindrücke. Bestimmte Geräusche, Gerüche, Textilien oder Berührungen werden als sehr unangenehm erlebt, während andere Reize kaum wahrgenommen werden. So kann ein Kind auf lautes Rufen kaum reagieren, während es durch leise Hintergrundgeräusche stark aus dem Gleichgewicht geraten kann. Auch die Schmerzempfindung kann verändert sein: Manche Kinder zeigen kaum Reaktion auf Verletzungen, andere sind bereits bei leichten Berührungen überempfindlich.

Diese sensorische Besonderheit beeinflusst häufig das Essverhalten. Kinder können auf bestimmte Texturen oder Konsistenzen empfindlich reagieren oder bevorzugen gleichförmige Speisen, die auf immer gleiche Weise zubereitet werden. Das Speiseangebot ist oft eingeschränkt, und in einigen Fällen kann dies zu Nährstoffdefiziten führen. Dieses Verhalten wird in der Fachliteratur häufig als „picky eating“ bezeichnet.

Allerdings gilt: Kein einzelnes dieser Merkmale reicht aus, um eine ASS zu diagnostizieren. Entscheidend ist das Zusammenspiel mehrerer Auffälligkeiten über einen längeren Zeitraum hinweg – und in verschiedenen Lebensbereichen. Wenn der Verdacht besteht, ist eine spezialisierte Diagnostik notwendig.

Diese umfasst in der Regel mehrere Schritte:

· ausführliche Anamnese und Interview mit den Eltern (ADI-R) sowie ggf. Erzieher*innen/Lehrkräfte

· standardisierte Beobachtungsverfahren wie ADOS, Hospitationen im Lebensraum

· Einschätzung der kognitiven und sprachlichen Entwicklung (z.B. durch U-Untersuchungen) sowie ausschließen von organischen Ursachen (Kinderärzt*in)

· Abgrenzung zu anderen möglichen Ursachen / Erklärungen (Differenzialdiagnostik)

Je früher eine ASS erkannt wird, desto besser sind die Möglichkeiten der Förderung. Studien zeigen, dass frühe Interventionen, insbesondere in den ersten Lebensjahren, den weiteren Entwicklungsverlauf positiv beeinflussen können. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass ASS keine „Krankheit“ ist, die geheilt werden muss – sondern eine andere Art, die Welt zu erleben.

Ziel der Unterstützung ist es daher, die Kinder in ihrer Entwicklung zu stärken, ihre Fähigkeiten zu fördern und ihnen Wege zu eröffnen, sich in einer sozialen Welt zurechtzufinden, die nicht automatisch auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist.

Wenn Sie also bei Ihrem Kind oder einem Kind in Ihrem Umfeld wiederkehrende Auffälligkeiten beobachten, die über das Übliche hinausgehen – etwa im sozialen Verhalten, in der Sprache oder im Umgang mit Veränderungen –, dann zögern Sie nicht, sich fachkundig beraten zu lassen. Eine fundierte Einschätzung kann Klarheit bringen und den Weg für gezielte Unterstützung ebnen.

Literaturverzeichnis:

Kamp-Becker, I., & Bölte, S. (2024). Autismus (4. Aufl.). utb GmbH.

https://doi.org/10.36198/9783838563152

https://www.deine-gesundheitswelt.de/krankheit-behandlung-und-pflege/asperger-syndrom-bei-kindern

https://www.msdmanuals.com/de/heim/gesundheitsprobleme-von-kindern/lern-und-entwicklungsst%C3%B6rungen/autismus-spektrum-st%C3%B6rung#Symptome_v825129_de